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Künstlerischer Leiter Karl Hartl

Drehbuch : Michel Dickoff (Siehe auch Regie)

Das Erste Deutsche Reich, das Heilige Reich des Mittelalters, war kein Nationalstaat im heutigen Sinne des Wortes. Unter der Schutzherrschaft des Kaisers und des deutschen Reichsvolkes lebten im Westen auch französische Burgunder, im Süden die Italiener und im Osten mehrere slawische Stämme oder Volksteile. Sie alle fühlten sich im Reich geborgen und wussten sich einig im Kampf gegen außereuropäische Mächte wie die Mongolen oder Türken. Dieses friedliche Miteinander im Lichte eines gemeinsamen Ideals gehörte durchaus zur mittelalterlichen Reichsidee, und es wird auch die Idee eines zukünftigen Europa sein müssen, wenn einmal das Gespenst des Amerikanismus verflogen ist.

Während der Verfallszeit des Reiches unter den Habsburgern im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, also etwa vom 14. bis 17. Jahrhundert, entwickelte sich im Südwesten Deutschlands die Schweizerische Eidgenossenschaft. Sie ist noch heute gewissermaßen ein Reich im kleinen: Neben einer deutschsprachigen Mehrheit, dem alemannischen „Reichsvolk“, gehören auch französische, italienische und rätoromanische Volksteile zu ihr. Alle aber leben unangetastet in ihren eigenen Kulturräumen; es gab bisher nie ein multikulturelles Gemisch. Eine Überfremdung erlebt die Schweiz, genau so wie andere europäische Länder, erst seit einigen Jahrzehnten durch die Einwanderung ganz anderer Volksgruppen.

In der Gründungszeit und den ganzen ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte war die Eidgenossenschaft allerdings eine rein germanisch-deutsche Angelegenheit, und zwar sowohl volksmäßig als auch ideell. Unter „ideell“ verstehen wir hier die Rechtsauffassung, nämlich die Anhänglichkeit der Urschweizer ans althergebrachte deutsche Recht im Gegensatz zu dem durch die Habsburger eingeführten römischen Recht, und außerdem das Beharren bei der durch die Hohenstaufen gewährten oder bestätigten Reichsunmittelbarkeit der drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden. Die Freiheit der Eidgenossenschaft haben wir einer kleinen Gruppe von führenden Männern und Frauen zu danken, die in der Stunde der Not entschlossen handelten. Unter ihnen ragt die mythische Gestalt des Tell empor.

Nach dem Untergang der Hohenstaufenkaiser begann gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Zeitalter der Habsburger. Unter den Hohenstaufen hatten sich die Innerschweizer Bauern samt dem landsässigen Adel ihrer herkömmlichen alemannischen Verfassung und der althergebrachten Reichsfreiheit erfreut. Sie anerkannten Gott und den Kaiser und sonst keinen Herrn. Nun aber kam die Zeit des Territorialfürstentums. Der Hochadel war bestrebt, sich ganze Ländereien, in denen er vorher nur das Richteramt ausgeübt hatte, im Sinne des römischen Eigentumsbegriffs als Privateigentum anzueignen. Die unscheinbaren Ländchen in den Alpen hatten seit der Eröffnung des Gotthardpasses einen hohen machtmäßigen und wirtschaftlichen Stellenwert bekommen, so dass Habsburg mit seinen Landvögten auf jede Weise versuchte, diese Bauernvölker unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Den Kaiser konnten die Schweizer nun nicht mehr um Hilfe anrufen, denn er war ja ein Habsburger. So mussten sie ihre Rettung selbst in die Hand nehmen.

Die Überlieferung, im 15. Jahrhundert im sogenannten „Weißen Buch“ von Sarnen zum ersten Mal festgehalten und von Friedrich Schiller später zu einem Drama verarbeitet, berichtet darüber folgendes:

Dem unschlüssigen Landammann von Schwyz, Werner Stauffacher, machte seine hochgesinnte Frau Gertrud Mut, endlich etwas gegen die habsburgische Unterdrückung zu tun und sich mit Gleichgesinnten zu beraten. In einem geheimen Treffen mit dem greisen Walter Fürst aus Uri und dem jugendlichen Feuerkopf Arnold von Melchtal aus Unterwalden wurde der Aufstand beschlossen. Jeder sollte zehn verlässliche Freunde aus seinem Land zu einer größeren Zusammenkunft mitbringen. Zu nächtlicher Stunde trafen sich die Männer auf dem Rütli, einer stillen Bergwiese am Ufer des Vierwaldstättersees. Dort stießen sie ihre Schwerter in die Erde und schwuren mit aufgehobenen Händen, in Erinnerung an ihre völkische Zusammengehörigkeit, den Eid, der sie zu Eid-Genossen machte:

Bild aus Drehbuch

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. (Schiller)

Der Rütlibund sollte bis zum Tag der Volkserhebung geheim gehalten werden. Kurze Zeit danach liess der Landvogt Geßler in Altdorf eine Stange aufrichten und einen Pfauenhut daraufsetzen. Um die Bevölkerung zu demütigen, befahl er, jeder habe sich vor dem Hut wie vor dem Herrn des Landes selbst zu neigen. Glühend vor Zorn und Scham folgten die Leute dem Befehl. Nur einer kümmerte sich nicht darum: Der Gemsjäger Wilhelm Tell aus Bürglen im Schächental, der mit seinem kleinen Sohn erhobenen Hauptes, die Armbrust auf der Schulter, an der Stange vorüberging. Aber die Wächter hielten ihn auf und verklagten ihn beim Landvogt. Geßler auferlegte dem berühmten Schützen eine unmenschliche Strafe: dem eigenen Kind einen Apfel vom Kopf zu schießen. Tell nahm das Furchtbare auf sich, schoss – und traf.

Das war ein Schuss! Davon
wird man noch reden in den spätsten Zeiten.
Erzählen wird man von dem Schützen Tell
Solang die Berge stehn auf ihrem Grunde. (Schiller)

Der Jubel des umstehenden Volkes wollte kein Ende nehmen; aber Geßler begehrte nun zu wissen, warum Tell noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft gehalten habe. Er solle ruhig eine ehrliche Antwort geben, das Leben sei ihm gesichert. Tell sah den Unterdrücker mit furchtbarem Blick an und antwortete:

Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich Euch,
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte;
Und Euer – wahrlich! – hätt ich nicht gefehlt. (Schiller)

Da ließ der wortbrüchige Landvogt den Tell binden und aufs Schiff bringen, mit dem er zu seiner Burg jenseits des Sees fahren wollte. Aber nun erhob sich ein wütender Föhnsturm und brachte die Besatzung in solche Not, dass sich kein anderer Ausweg fand, als den starken Tell ans Steuerruder zu lassen. Der lenkte bedächtig das Schiff in Ufernähe und spähte nach seiner Armbrust, packte sie dann plötzlich und sprang mit gewaltiger Kraft auf eine Felsplatte, das Schiff mit dem Fuss in die tosenden Fluten zurückstoßend. Dann eilte er über die Berge und erwartete den Tyrannen im Hohlweg, der zu dessen Burg führte. Die Schiffsmannschaft war dem Sturm mit knapper Not entronnen und ritt nun den Weg hinan. Da trat Tell hinter einem Baum hervor, legte an und schoss Geßler durch die Brust. „Das war Tells Geschoss“, röchelte der Sterbende, während Tells Stimme durch die Hohle Gasse donnerte: „Du kennst den Schützen; suche keinen andern!“

Tell, der große Einzelne, hatte die erste Befreiungstat vollzogen. Und nun nahte auch der verabredete Tag des Rütlibundes. Das Volk stürmte die Burgen der fremden Herren, vertrieb die Vögte und warf Feuer in die Türme. Jener Tag der Schweizerfreiheit wird noch heute jedes Jahr am 1. August gefeiert. Da läuten alle Glocken, und auf den Bergen flammen die Freudenfeuer himmelan.

Sag, Vater, was läuten die Glocken heut nacht?
Dass nimmer der Stolze den Stillen verlacht.

Sag, Vater, was gehen die Jauchzer durchs Land?
Weil immer ein Held noch den Drachen bestand.

Sag, Vater, was lodert am Berge im Wind?
Das heilige Feuer der Freiheit, mein Kind. (Meinrad Lienert)

Die Freiheit der Urschweiz entstand aus dem Zusammenwirken von Volkskraft und Individualkraft. Tell handelte der Volksseele gemäß. Oder handelte das Volk dem Tell gemäß? Fast möchte man letzteres annehmen. Jedenfalls genoss der Tell in der Schweiz lange Zeit – und hie und da heute noch – fast religiöse Verehrung. Und das kommt nicht von ungefähr. Kenner der germanischen Mythologie haben ihn aus guten Gründen als eine Erscheinungsweise des Gottes Heimdall bezeichnet. Und der Historiker Fritz Ernst schreibt über eine noch nicht lange zurückliegende Zeit:

„Man kann sehr wohl von einer Tell-Religion sprechen. Jedes Jahr wurde in der Hohlen Gasse eine Messe gelesen, von der Tellsplatte an die Landleute in den angelegten Nachen eine Denkpredigt gesprochen, von Bürglen nach Steinen bei Schwyz eine Prozession abgehalten. Gott und Tell gingen da überall ineinander über, wie es die Inschrift auf dem tönenden Erz in Bürglen kündete: Pro dei gloria ac Guilelmi Tel gloria – Zum Ruhme Gottes und Wilhelm Tells.“

Aber nicht nur für die Schweizer, auch für die übrigen Deutschen war Tell Gegenstand der Verehrung. Der Dichter Klopstock sagte nach seiner Schweizerreise, er glaube an Tell wie an Hermann den Cherusker. Goethe, der von der „lieben heiligen Schweiz“ sprach, wollte ein Tell-Epos schreiben, überließ dann aber Schiller den Stoff, der daraus sein großes Schauspiel schuf. Die Schweizer lieben dieses Drama so, dass sie Schiller, nach dem Zeugnis Gottfried Kellers, „förmlich zu ihrem Landsmann gemacht“ haben.

Wohl kann also der Tell als der schweizerische Volksgeist bezeichnet werden. Aber wenn die Schweiz so etwas ist wie ein Reich im kleinen, so ist der Tell auch ein Reichs-Schutzgeist, ein Geist, der Freiheit und Gerechtigkeit und das Eigenleben der Völker schützt – wenn nötig mit der Waffe in der Hand. Regierungen, die Freiheit und Eigenleben der Völker mit Füssen treten, haben den Tell zu allen Zeiten gefürchtet, und sie sollen ihn auch in Zukunft noch fürchten lernen.

So meinte auch Johannes von Müller, der Vater der Schweizer Geschichtsschreibung:

Gesetzmäßige Regenten sind heilig.
Dass Unterdrücker nichts zu fürchten haben, ist weder nötig noch gut.

Literaturempfehlungen:

Johannes von Müller, Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft
Brüder Grimm, Deutsche Sagen
Friedrich Schiller, Wilhelm Tell
Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten (ältere Ausgaben; die neuen sind verfälscht)
Fritz Ernst, Wilhelm Tell als Freiheitssymbol Europas

Weisses Buch von Sarnen
Am 1.Aug. 1991 feierte die Eidgenossenschaft ihren 700. Geburtstag. Die Tellsage, der Rütlischwur und das damit verbundene Freiheitsdrama gehören unbestritten zur Geschichte unseres Landes, sie musste also nicht neu erfunden werden. Allerdings sind im Film einige historische Ergänzungen hervorzuheben, die sowohl den Ablauf wie auch geschichtliche Tatsachen verdeutlichen. In diesem Sinn wurde das Drehbuch von Michel Dickoff und Karl Hartl als lebendiges Dokument jener Zeit geschrieben, basierend auf zeitgenössischen Berichten und Schillers Drama.

1740 berichtet der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber erstmals von den in der Urschweiz herumgebotenen Erzählungen aus der Vergangenheit, von Wilhelm Tell, von einem Gössler, von bösen Vögten, gequälten Untertanen und von geheimen Zusammenkünften auf dem Rütli - untermauert von Personen- und Ortsnamen. Der Bericht wird später als "Das weisse Buch von Sarnen" bekannt.
(Bild 1 - "Das weisseBuch von Sarnen"


Aegidius Tschudi, der erste schweizerische Historiker, vereinigte im 16. Jahrhundert diese
Sarner Chronik mit seiner beschriebenen Periode von 1200-1470 und den bekannten Urkunden die im Bundesarchiv in Schwyz ausgestellt sind, zur
bis heute massgebenden Schweizergeschichte, dem "Chronicon Helveticum"
(Bild 2 - Chronicon Helveticum)

Im Herbst 1797 besuchte Johann Wolfgang von Goethe die Schweiz zum dritten Mal, diesmal die Urkantone. Er berichtet Friedrich von Schiller brieflich von der Urgewalt der Berge, dem Charakter der Menschen, ihren Sitten und Gebräuchen. In Goethe reift der Plan eines Tell-Epos, das er mit Schiller ausführlich erörtert. Dann aber wächst seine Skepsis gegenüber dem etwas zu 'naiven' Sujet. Später überlässt er das gesamte Material über die Tell-Geschichte - das weisse Buch von Sarnen und die Chronicon Helveticum - Schiller, der dann 1804 das Freiheitsdrama erfolgreich realisiert.
(Bild 3 - Schillers W-T Erstausgabe mit Tellbild)

 
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Der Wilhelm-Tell Film ist auch als Blue-Ray in High Definition HD erhältlich
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